DSCN1391klug„Was braucht es, um einen kritischen Menschen zu bilden?“ So war eine Tagung zum evangelischen Bildungshandeln am 20. Mai im Schlauen Haus in Oldenburg betitelt. Eingeladen hatte die Ev. Akademie.

In einem Impulsreferat „Menschenbilder, religiöse Traditionen und Pluralitätsfähigkeit“ entwickelte Prof. Dr. Friedrich Schweitzer (Professor für Religionspädagogik und Praktische Theologie an der Uni Tübingen und u. A. verantwortlich für die großen KA-Studien der EKD) anhand von 12 Thesen ein aktuelles evangelisches Bildungsverständnis.

Sein sehr spannender Vortrag begann mit der Frage: was versteht man unter dem Begriff „Kritik“? Laut Wikipedia ist Kritik „die Beurteilung eines Gegenstandes oder einer Handlung anhand von Maßstäben“. Sie gilt als Grundfunktion der denkenden Vernunft und wird auch als „Kunst der Beurteilung“ bezeichnet. Dann warf er die Frage auf, ob man für Bildung ein Menschenbild brauche und führte in die aktuelle Bildungsdiskussion ein, in der der Sinn eines Menschenbildes für die Bildung stark bezweifelt wird. Seine These ist jedoch, dass alles Bildungshandeln ein Menschenbild braucht.  Menschenbilder seien die den Bildungsprozess bestimmenden Normen und Grundorientierungen.

Weiter führte er aus, dass Bildung heute vor allem begriffen wird als das, was man / frau braucht, um in der Gesellschaft und im Besonderen in der Arbeitswelt voranzukommen, also beruflich erfolgreich zu sein und möglichst viel Geld zu verdienen.

Dagegen setzte er ein Bildungsverständnis, das auf einem christlichen Menschenbild fußt und seinen letztendlichen Ursprung in 1. Mose 1, 26 und 27 hat: „Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich ist, … Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Weib.“

Als eines der wichtigstes Bildungsziele dieses evangelischen Bildungsverständnisses nannte er die Pluralitätsfähigkeit, d. h. die Fähigkeit, sich in einer komplexen Welt zu orientieren und Vielfalt als Bereicherung zu erleben. Dazu gehört auch die Fähigkeit, die Wurzeln von Pluralität, Toleranz, Respekt und Anerkennung für den anderen in der eigenen Religion und religiösen Tradition zu erkennen.

Dazu braucht der Mensch:

  • fachlich fundiertes auf Religionen und Weltanschauungen bezogenes Wissen
  • die Fähigkeit, diese zu deuten und zu verstehen
  • die Fähigkeit, die Perspektive anderer Menschen zu übernehmen (Beispiel: wie liest ein Muslim den Koran?)
  • Raum und Zeit für die Entwicklung von Einstellungen und Verhaltensweisen im Sinne von Empathie, Toleranz, Respekt und Offenheit
  • ein Bewusstsein für die eigenen Orientierungen im Blick auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Hinblick auf die Orientierungen anderer Menschen

An den Vortrag von Prof. Schweitzer schloss sich eine lebhafte Podiumsdiskussion an. Oberkirchenrat Detlef Mucks-Büker hielt ein engagiertes Plädoyer für schulische Bildung, in der die soziale Herkunft kein bleibendes Hindernis ist und die auf einem gerechten begabungsfördernden Schulsysem basiert. Nachdem die Diskussion auch für das Publikum geöffnet wurde, gab es einen spannenden Diskurs zu der Frage, ob Jugendliche heute weniger kritikfähig oder weniger bereit sind, sich kritisch zu äußern.

Mein Fazit am Ende des Nachmittages: als in der Konfirmanden- und in der Jugendarbeit tätige Hauptamtliche hat es mir gut getan, wieder einmal über die Grundlagen meines beruflichen Handelns nachzudenken und mit anderen zu diskutieren. Der Vortrag von Prof. Friedrich Schweitzer und die anschließende Diskussion waren für mich eine gute Bestätigung und Orientierung für mein Bildungsverständnis und  Bildungshandeln.

Eine Pressemitteilung von Anke Brockmeyer zur Veranstaltung bietet einen weiteren Einblick in die Inhalte der Tagung und ist hier zu finden.

 

 

 

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