Gesichter der Religionen

Die analoge Ausstellung in Oldenburg ist zu Ende. Vor ein paar Wochen habe ich über die Intention und das Design berichtet. Die Landesbibliothek als Ausstellungsort und der Präventionsrat sind mit den Besuchszahlen zufrieden. Immer wieder haben sich über den Tag verteilt Menschen in die Ausstellungsstationen vertieft. Und neben den Gruppen, die einfach so durch die Ausstellung gegangen sind, gab es einige, die sich eine Führung gewünscht haben. Gern habe ich mich, weil sich keine anderen finden ließen, dieser Aufgabe gestellt.

Zu Beginn der jeweils 60-90minütigen Führungen gab es eine Einführung in die Ausstellung. Der historische Ort einer ehemaligen Polizeikaserne, in deren Innenhof am 10. November 1938 die Oldenburger Juden zusammengetrieben und in das KZ Sachsenhausen transportiert wurden, ist ein nachdenklicher Anstoß zum Nachdenken darüber, welche Aufgabe Religion in dieser Welt haben kann: Frieden zu stiften statt Hass zu säen und Menschen aufgrund ihrer Abstammung oder ihres Glaubens jedwede Grundrechte abzusprechen. Dann gab es Infos über das Konzept der seit 2016 auf Wanderschaft befindlichen Ausstellung und einen Hinweis auf den gesellschaftlichen Wandel: 1950 in Westdeutschland 96 % der Menschen entweder katholisch oder evangelisch, dazu kamen 15.000 Juden, die den Holocaust überlebt hatten. Heute ist die multireligiöse Gesellschaft, verstärkt durch große Migrationsbewegungen wie z.B. im Sommer 2015, im allein schon im Straßenbild offensichtlich. Daher leitet sich ein Bild ab, das für den Besuch der Ausstellung leitend sein kann: Stell Dir vor, Du gehst durch die Oldenburger oder Westersteder oder… Fußgängerzone. Du begegnest Menschen, von denen Du nicht weißt, was sie so denken oder glauben. Was wäre, wenn Du einen Schritt auf sie zu machen würdest und fragst: „Entschuldige, könnten Sie mir sagen, was sie glauben und wie sie ihre Religion leben?“ Hier bei #Religramme habe ich die Möglichkeit, 20 Menschen aus unterschiedlichsten Religionen einfach mal zu befragen. Sie erzählen, was sie ausmacht, wie sie leben und wie sie zu anderen stehen. Was sie gemeinsam haben: Sie leben alle in Niedersachsen und sie leben gerne in unserem Bundesland.

Dann ist Zeit, unterstützt durch farbliche Wegweiser, religiöse Menschen zu treffen. Christen, Juden, Muslime, Buddhisten, Hindus, Jesiden – die ja in Oldenburg ein großes Zentrum haben. Und extra für den Oldenburger Kontext präsentieren sich die Bahai und die Humanistische Vereinigung.
Es war schön zu beobachten, wie konzentriert viele der Biografien in Augenschein genommen, an der Selfistation Fotos gemacht und kleine Dialoge über das Gelesene geführt wurden. Die Schüler:innen aus dem Religionsunterricht bekamen den Auftrag, drei Personen in einem Ausstellungspass zu portraitieren und sich zu überlegen, was sie die ausgewählte Person gerne mal fragen würden (Möchtest Du auch mal Kinder haben?). Die Jugendliche veranstalteten kleine Sit-Ins vor den Stationen, googelten auch mal zwischendurch auf der Internetseite der Ausstellung und bei Instagram (#religramm_ausstellung; #religramme_wasmachtdichaus,; etc.
Ok es wurde auch mal mit der Freundin gechattet oder – erstaunlich beliebt, der Aufzug der Landesbibliothek genutzt, um die eine Etage zu zwei weiteren Exponaten der Ausstellung zu überwinden. Für die Senior:innen gab es kleine Gegenstände zur Auswahl, mit den sie das Gelesene mit ihren Erinnerungen verknüpfen konnten. Und für manche war es eine Erleichterung, längere Texte etwas bequemer von einem freundlich herzugestellten Stuhl aus zu studieren. Kleiner Wermutstropfen: Die Hörstationen, an denen Gesänge und Melodien einen atmosphärischen Eindruck bieten sollten, funktionierten nicht. Die Technik ließ sich auch trotz intensiver Bemühungen der Landesbibliothek nicht wiederbeleben.

Gegen Ende des Besuchs versammelten sich die Gruppen noch einmal im Foyer, um sich über ihre Wahrnehmungen auszutauschen. Eine gebürtige junge Muslima erzählte, sie wäre auf der Suche nach einem Glauben, der ihr für ihr weiteres Leben zusagt.
Ein Mädchen berichtete von ihrer besten Freundin, die Jesidin sei, und für die es gar nicht leicht vorstellbar sei, sich an die Vorschrift ihres Glaubens zu halten, später auf jeden Fall mal einen Jesiden heiraten zu müssen. Weil der Glaube der Jesiden auch eine Gruppe von Senior:innen interessierte, kam die Idee auf, Vertreter:innen zu einem der nächsten Gruppentreffen einzuladen. Noch viel schöner als so eine etwas eilige Begegnung in der Fußgängerzone ist ja das lebendige Gespräch in gemütlicher Runde.
Eine ältere Dame erinnerte sich, dass sie als „Evangelische“ vor über 50 Jahren Schwierigkeiten mit einem Pastor hatte, der sie partout nicht mit einem „Lutherischen“ vor dem Traualtar segnen wollte.

Ein schöner Zusatzbonus: Etliche der Schüler:innen feierten an den Wochenenden vor oder nach dem Ausstellungsbesuch ihre Konfirmation. Sie erzählten, wie schön es war bzw. wie sehr sie sich auf das Fest freuten – #Religramme live sozusagen.

Allen Besucher:innen fiel auf, dass die 20 dargestellten religiösen Menschen sich sehr respektvoll über den Glauben anderer Menschen äußern. Das sei vorbildlich! Aber leider sehe das Weltbild, besonders bei vielen Religionsführern, nicht ganz so harmonisch aus.
Allen wurde bewusst, dass angesichts der aktuellen Kriegssituation u.a. in der Ukraine jede Religion ihren Beitrag dazu leisten kann, dass das friedliche Miteinander gelingt – und das Frieden kein selbstverständlicher Zustand ist, sondern immer wieder gestiftet und bewahrt werden muss.
Als kleine Erinnerung erhielten die Besucher:innen am Ende einen Aufkleber mit der Ermutigung aus Matthäus 5, 9: „Selig sind, die Frieden stiften!“

Auch nach der Wanderausstellung gibt es noch zwei Begleitveranstaltungen am 17.5. und 23.5.!





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